Analyse

Was die Bing-Schnittstelle liefert – und was nicht

Bing-Daten lesen sich nur dann richtig, wenn man drei Eigenheiten der Schnittstelle kennt. Sonst rechnet man mit Zahlen, die systematisch zu gut aussehen.

Wer bei Bing dieselbe Datenlage erwartet wie bei Google, wundert sich zweimal: einmal über die Auflösung und einmal über die Vollständigkeit. Beides ist kein Fehler, sondern Absicht der Schnittstelle. Man muss es nur wissen, bevor man mit den Zahlen argumentiert.

Wochen statt Tagen

Die Bing-Oberfläche zeigt Tageswerte. Die Schnittstelle gibt sie nicht heraus – sie liefert Wochenblöcke. In unseren Messungen trägt jeder Block das Datum eines Freitags und fasst die davorliegende Woche zusammen. Ein Freitagsdatum vom 31. Juli steht also für den Zeitraum 25. bis 31. Juli.

Praktische Folge: Eine Tageskurve für Bing kann dir niemand bauen, der die Schnittstelle benutzt – auch kein Tool. Wer sie zeigt, hat sie interpoliert. Und ein Vergleich „Dienstag gegen Dienstag“ ist bei Bing gar nicht erst möglich.

Bestenliste statt Vollbestand

Google liefert dir in der Search Console je nach Property Tausende von Suchanfragen. Bing liefert über die Schnittstelle rund fünfzig pro Woche – die stärksten. Der lange Schwanz aus Anfragen mit ein oder zwei Impressionen fehlt komplett.

Das hat eine unangenehme Nebenwirkung, die man leicht übersieht: Kennzahlen, die man aus dieser Liste hochrechnet, sind systematisch zu gut. In einem konkreten Fall ergab die Summe der gelieferten Anfragen eine CTR von 1,06 Prozent, während die Bing-Oberfläche für dieselbe Website 0,63 Prozent auswies. Der Unterschied ist nicht Messfehler, sondern die fehlende klickarme Masse.

Wer mit Bing-Zahlen arbeitet, sollte deshalb nie eine „Gesamt-CTR der Website“ daraus bilden, sondern immer nur die CTR der erfassten Anfragen – und das auch dazuschreiben.

Der Zuschnitt ist oft ein anderer

Eine Bing-Site, die über DNS oder über den Google-Import verifiziert wurde, umfasst die gesamte Domain samt aller Subdomains. Eine URL-Präfix-Property in der Search Console umfasst genau einen Host.

Stellt man beide nebeneinander, vergleicht man dann unbemerkt einen Konzern mit einer Abteilung. Bei Seiten-Daten lässt sich das nachträglich filtern, weil jede URL ihren Host mitbringt. Bei Suchanfragen nicht – dort steht kein Host dran.

Rund 68 Wochen, dann ist Schluss

Bing hält die Daten etwa 68 Wochen vor, also gut sechzehn Monate. Das ist ungefähr dieselbe Grenze, die Google zieht – mit demselben Ergebnis: Der Vorjahresvergleich, den du im dritten Jahr brauchst, existiert nicht mehr, wenn du ihn nicht selbst weggeschrieben hast.

Anders als bei Google gibt es bei Bing zusätzlich keinen Zeitraum-Parameter. Man bekommt immer, was gerade vorgehalten wird. Ältere Wochen verschwinden einfach aus der Antwort. Ein Speicher, der Daten nur spiegelt statt sie zu behalten, verliert sie also mit.

Die Klickposition ist leer

Das Feld existiert in der Antwort, aber Bing befüllt es praktisch nicht mehr. Wer eine Tabelle sieht, in der eine Positionsspalte durchgehend leer bleibt, hat kein kaputtes Tool vor sich, sondern eine Schnittstelle, die diesen Wert nicht mehr liefert.

Und noch ein Termin: 31. August 2026

Microsoft schaltet die alten SOAP- und POX-Schnittstellen der Bing Webmaster Tools zum 31. August 2026 ab. Danach funktioniert nur noch die JSON-Variante. Betroffen ist jeder, der eigene Skripte betreibt oder ein Tool nutzt, das noch die alten Endpunkte anspricht – typischerweise beim automatischen Einreichen von URLs.

Der Umbau ist überschaubar: Funktionsumfang, Kontingente und dein API-Schlüssel bleiben identisch, es ändert sich nur das Format der Anfragen. Trotzdem lohnt sich der Blick vorher statt am 1. September. Search-Console.PRO spricht ausschließlich die JSON-Variante – auf unserer Seite ist der Termin damit erledigt.

Lohnt sich Bing überhaupt?

Nach Klicks allein: für die meisten deutschen Websites eher nicht. Zwei Argumente sprechen trotzdem dafür, hinzuschauen.

Erstens ist der Bing-Index die Grundlage für Microsofts eigene KI-Oberflächen. Die Bing Webmaster Tools zeigen inzwischen sogar einen eigenen Bericht dazu, welche Seiten in KI-Antworten zitiert werden. Wer wissen will, ob seine Inhalte dort auftauchen, kommt an Bing nicht vorbei.

Zweitens ist Bing ein zweiter Messpunkt. Wenn deine Sichtbarkeit bei Google einbricht und bei Bing nicht, war es sehr wahrscheinlich Google – ein Update, eine SERP-Änderung, ein Filter. Bricht sie bei beiden gleichzeitig ein, liegt es wahrscheinlicher an deiner Website. Diese eine Unterscheidung spart im Ernstfall einen halben Tag Suche.

Wie sich beide Datenquellen sinnvoll gegenüberstellen lassen, steht in Google gegen Bing vergleichen. Zur Einrichtung: Bing Webmaster Tools verbinden.

Häufige Fragen

Warum zeigt Bing in der Oberfläche andere Zahlen als jedes Tool?

Weil die Oberfläche den Vollbestand kennt und die Schnittstelle nur die Bestenliste herausgibt. Summen und CTR fallen deshalb in Tools zwangsläufig anders aus. Die Rangfolge der starken Anfragen stimmt trotzdem.

Kann ich Bing-Daten rückwirkend importieren?

Nur so weit, wie Bing sie noch vorhält – also rund 68 Wochen. Alles davor ist nicht mehr abrufbar, weder über die Schnittstelle noch in der Oberfläche.

Brauche ich einen kostenpflichtigen Microsoft-Zugang?

Nein. Die Bing Webmaster Tools und der API-Schlüssel sind kostenlos. Der Schlüssel liegt in den Einstellungen deines Bing-Webmaster-Kontos.